Energiestadt Aarau konkret: Wagen wir den Schritt
Fraktionsvotum zur Initiative «Energiestadt Aarau konkret» und zum Gegenvorschlag: Antworten auf die gängigen Einwände gegen den Ausstieg aus der Kernenergie.
Jeder Dollar, der bis 2020 nicht in eine kohlenstoffarme und effiziente Energieversorgung investiert wird, kostet nach 2020 etwa 4.30 Dollar an Investitionen, um die gestiegenen Emissionen dann doch wieder zu senken.
Internationale Energie-Agentur (IEA) bei der Vorstellung des World Energy Outlook 2011, November 2011
Werte Ratsmitglieder
Nach der hier geführten Diskussion, möchte ich mich zu ein paar Aussagen äussern:
Behauptung: Ausstieg aus der Kernenergie stehe in Widerspruch zur Reduktion des CO2-Ausstosses
AKWs mögen im CO2-Bereich zugegebenermassen nicht schlecht sein – wobei niemand weiss, wie man die ganze Endlagerung zu berücksichtigen hat - dementsprechend findet man viele unterschiedliche Studien. Betrachtet man die ganze Umweltbelastung – und in der Initiative geht es um die ganze Umwelt, nicht nur die Atmosphäre – schneiden AKWs anerkanntermassen sehr schlecht ab. Speziell auch im Bezug zur schweizerischen Umweltgesetzgebung.
BEHAUPTUNG: Die IBA würde in Ihren Freiheiten unzulässig eingeschränkt.
Elektrizitätswerke wie die Industriellen Werke Basel (IWB) haben sich bereits heute freiwillig dazu entschlossen, keinen Atomstrom mehr zu beziehen. Sie sind trotzdem weder bankrottgegangen, noch wirtschaftlich in Not geraten. Im Gegensatz beispielsweise zur Alpiq – die Probleme hat.
Weitere Elektrizitätswerke mit beschlossenem oder umgesetzten Atomausstieg liessen sich hier aufzählen.
Zuguter Letzt: Der Verwaltungsratspräsident von Swisspower, der führenden Stadtwerk-Kooperation der Schweiz, hat in einer Medienmitteilung sinngemäss folgendes geschrieben: Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie in der Schweiz kommt es zu Planungs-, Investitions- und Rechtssicherheit für die Stadtwerke, welche ihre Produktionsanteile erhöhen oder in neue Produktionen investieren können.» Weiter schreibt er: « Sowohl der Umbau der Schweizer Stromproduktion wie auch die Effizienzmassnahmen auf der Nachfrageseite sind rasch und zielgerichtet voranzutreiben.»
Der Verwaltungsratspräsident von Swisspower, der das geschrieben hat, heisst Hans Kaspar Scherrer und sitzt im Moment in diesem Ratssaal. Die erwähnte Ausstiegsszenarie, sowohl im Gegenvorschlag als auch in der Initiative bieten genau das: Rechtssicherheit, sogar unabhängig vom Bund.
Die Förderung der erneuerbaren Energien und den Verzicht auf die friedliche Nutzung der Kernkraft zu verlangen sei widersprüchlich
Sehr logisch…
Angeblich brauche es AKWs um die zufällig anfallenden Erneuerbaren auszugleichen. Dumm nur, dass AKWs sehr unflexibel im Energieoutput sind, sie produzieren auch Strom, wenn der niemand brauch. Z.B. in der Nacht. Und dann werden plötzlich Stauseen gebraucht, um die überschüssige Energie zum Wasser hochpumpen zu nutzen. Stauseen können aber genauso gut erneuerbare Strom ausgleichen.
Zudem Sonnenenergie ist im Sommer super, Windenergie im Winter, ein schöner Ausgleich.
Aarauerinnen und Aarauer können nicht frei entscheiden (Einheit der Materie)
Wenn einem die Argumente ausgehen…
Natürlich gehört alles zusammen. Das CO2-Problem, also die Klimaerwärmung, ist in erster Linie ein Energieproblem. Grosser Energieverbrauch = grosser CO2-Ausstoss – auch in der Schweiz, da wir z. B. hauptsächlich fossil heizen. Ergo, um den Klimawandel zu begrenzen - vermeiden können wir ihn schon lang nicht mehr – muss der Energieverbrauch pro Kopf runter. Energieeffizienz und CO2 gehören also schon einmal zusammen.
In der Schweiz gibt es aber energetisch nicht viel inneffizienteres als AKWs. 2/3 der Energie verpuffen in Form von Dampf. Und nein, auch technologische Fortschritte bringen nichts, denn die thermodynamischen, sprich physikalischen Grenzen, sind sehr eng.
AKWs sind also zwingen draussen, wenn wir wirklich Energieffizienz wollen. Nur nebenbei: Energieeffizienz heisst, gleicher Lebensstandard bei viel wengier Energie: Oder wenn man Minergiehäuser anschaut: Mehr Lebensstandard bei sehr viel weniger Energie.
Die Erneuerbaren können AKWs gar nicht ersetzen:
Beispiel Deutschland: Im Jahr 2010 ist in einem Jahr Photovoltaik mit einer Leistung von 7.4 GW zugebaut worden. Umgerechnet auf Atomenergie, die 8000 Stunden pro Jahr läuft anstatt nur 1000 wie bei Photovoltaik, entspricht das durchschnittlich Leistungsmässig ca. 3x Mühleberg. Also: Unter Berücksichtigung unterschiedlicher Nutzungsdauer hat Deutschland in einem Jahr 3 Mühleberg gebaut. Deutschland ist 10x Grösser wie die Schweiz, liegt aber nördlicher und hat keine Alpen, hat also schlechtere Bedingungen als wir. Bei gleich grosser Zubaurate , umgerechnet auf die Schweiz, könnten wir also in 3 bis 4 Jahren Mühleberg abschalten, in weiteren 3 Jahren, Beznau 1, etc. Effizienzverbesserungen bei der Photovoltaik nicht mitgerechnet.
Stromlücke
Stromlücke gibt es in einer freien Marktwirtschaft nicht wirklich. Preise steigen, es lohnt sich zu investieren, bis sich ein neues Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage findet.
Ich könnte noch lange so weiter fahren. Sie alle vermutlich auch.
Wagen wir doch einfach den Schritt. Schaffen wir für die IBA klare Verhältnisse und vor allem, sorgen wir dafür, dass sich Aarau nicht nur architektonisch, sondern auch umweltpolitisch in Zukunft bewegt. So dass die Zukunft überhaupt eine Zukunft hat.
Herzlichen Dank