Energie kann weder erzeugt noch vernichtet werden – nur umgewandelt.

1. Hauptsatz der Thermodynamik

Werte Anwesende

Wer dieses Postulat liest, spürt Energie. Aus Sicht von GLP/Mitte sogar die richtige Energie. Aber die Umwandlung von dieser Energie in ein konkreten politischen Vorstoss – die stimmt nicht.

Fangen wir bei dem an, wo wir uns mit den Postulanten einig sind. Ja, es braucht massiv mehr Photovoltaik. Ja, es braucht mehr Speicher. Und ja, wer heute Solarstrom produziert und diesen an einem sonnigen Juninachmittag teilweise wegwerfen muss, darf sich darüber ärgern.

Es gibt aber einen zentralen Satz, der uns Mühe macht.

«Von einer Abregelung dieser Erzeugungsanlagen ist zukünftig abzusehen.»

Auf verständlich: Die Stromproduktion soll immer vollständig von der eniwa ins Netz integriert werden – unabhängig von Netzstabilität und unabhängig sowohl von volks- als auch betriebswirtschaftlichen Überlegungen.

Das tönt entschlossen und sympathisch. Das Problem ist aber: Die Abregelung schützt in erster Linie mal das Stromnetz – was wir schon noch wichtig finden.

Stellen wir uns doch einen schönen strahlenden Sonntagmittag Ende Juni vor. Alle PV-Anlagen produzieren auf Volllast, genau so die beiden Flusskraftwerk und die KVA Buchs. Weil Sonntag ist, ist die Stromnachfrage sehr tief. Der Strompreis an der Börse ist sogar noch tiefer, nämlich negativ. Das heisst, eniwa kann nicht allen Strom im Netz absetzen und muss zahlen, um den Strom zu verkaufen. Was für Möglichkeiten gibt es?

  1. Alles einspeisen und damit riskieren, dass das Stromnetz zusammenbricht
  2. Wasser in der Aare nicht mehr turbinieren und auf erneuerbaren Wasserstrom verzichten
  3. Strom mit Verlust verkaufen

Mir scheint alles nicht sinnvoll. Sinnvoll ist aber:

  1. PV unter gewissen Bedingungen ein bisschen abregeln.

Und es hat auch noch nie Sinn gemacht, irgendeine Infrastruktur auf die absolute Spitzenbelastung auszulegen. Es macht Sinn, Solarstrom für den Abend zu speichern, für die Nacht, für die Morgenstunden – absolut. Aber riesige Batterien in Reserve haben, damit an fünf Sommertagen die Mittagsspitze restlos kurzzeitig gespeichert werden kann? Das ist, wie wenn wir so viele Parkplätze im Zentrum bauen, dass auch am Rüeblimärt alle bequem direkt neben dem Graben parkieren können. An den restlichen 364 Tagen stehen die Parkplätze immer teilweise leer, kosten Geld und nehmen Platz weg. Sich an den Belastungsspitzen zu orientieren macht bei Parkplätzen keinen Sinn. Und bei Batterien auch nicht.

Was Sinn macht? Beispielsweise etwas, was die eniwa bereits macht: In der Überbauung «im Erlifeld» in Unterentfelden versorgen sich 90 Wohnungen weitgehend selber. Solardächer, ein Batteriespeicher, Ladestationen, intelligentes Lastmanagement. Das ist kein Pilotprojekt. Das ist Energiezukunft.

Und dann gibt es ja auch noch einen weiteren grossen und grösser werdenden Speicher. Der steht im Schnitt auch mindestens 23 Stunden pro Tag ungenutzt herum. Auf vier Rädern.

Wer jetzt denkt: Ja, ja, die Elektroautos – kurz ein Gedankenexperiment. In der Schweiz gibt es über 250 000 rein elektrische Autos. Wenn diese gleichzeitig mit bloss 10 Kilowatt ins Netz zurückspeisen würden, entspräche das der Leistung von beinahe allen schweizerischen AKW zusammen. Und wenn dereinst praktisch alle Autos elektrisch fahren, reden wir von einer theoretischen Einspeiseleistung von 50 Mal Gösgen. Allein in der Schweiz. Das ist das Potenzial, das in bidirektionalem Laden steckt. Auch das testet eniwa bereits.

Die Frage ist eigentlich auch nicht, ob eniwa Speicher bauen soll. Die Frage ist, ob sie es noch vermehrt kann. Die Stadt besitzt fast 100 Prozent von der eniwa. Wer will, dass eniwa in die Energiewende investiert – und das wollen wir – muss ihr auch mehr finanziellen Spielraum dafür lassen. Und ja, dann gibt es vielleicht auch mal eine kleinere Ausschüttung an die Stadt. Auch das wäre verantwortungsvoll.

Und wie steuert die Stadt das? Über die Eignerstrategie. Das Postulat fordert genau das. Der Stadtrat? Der geht darauf mit keinem Wort ein. Für uns ist klar: Wenn die Eignerstrategie überarbeitet wird, müssen die Parteien zumindest beratend einbezogen werden.

Das Postulat hat die richtige Energie. Mehr PV, mehr Speicher, weniger verschwendeter Sonnenstrom. Aber ein Postulat, das der eniwa vorschreibt, nie mehr abzuregeln, setzt diese Energie schlicht zu stur und somit falsch ein.

Setzen wir die politische Energie richtig ein: Mehr erneuerbaren Strom, mehr Speicher, genügend Investitionsspielraum für die eniwa, eine smart überarbeitete Eignerstrategie und viele bidirektionale Ladekabel.

Darum: Nicht überweisen. Aber die Energie vom Postulat behalten.

Danke.

Thema: Energie und Klima und Finanzen und Beteiligungen