Der heutige Zurlindensteg ist für das bestehende Fuss- und Veloverkehrsaufkommen deutlich zu schmal.

Medienmitteilung Stadt Aarau

Werte Anwesende

In der Medienmitteilung hätte auch stehen können: Die fehlende Breite vom Zurlindensteg ist eine Zumutung – ich persönlich fühle mich sowohl als Fussgänger als auch als Velofahrer auf fast keiner Strasse so unsicher wie auf dem Zurlindensteg.

Aber keine Angst: mir ist klar, jetzt geht es um die Passerelle und nicht um den Zurlindensteg. Oder doch?

Es ist ganz einfach: Der Schlamassel vom Zurlindensteg bzw. von der katastrophalen Anbindung von der Telli an die Aarenau – bzw. umgekehrt – ist die Inspiration für unser Postulat. Ich wiederhole: Postulat.

Da also der Zurlindensteg die notwendige Inspiration ist, jetzt eine kurze Geschichtsstunde.

2. Juni 2003

Zwar habe ich keine Ahnung, wann klar wurde, dass die Aarenau überbaut werden soll. Aber spätestens am 2. Juni 2003 muss es klar gewesen sein. Denn vor knapp mehr als 20 Jahren haben die Ortsbürger «acht Grundsätze für die Überbauung Aarenau im Scheibenschachen» verabschiedet. Der erste Grundsatz lautete: «Im Areal Scheibenschachen soll schrittweise ein vorbildlicher neuer Stadtteil entstehen, der einen attraktiven Beitrag zum Standort Aarau liefert.»

Werte Anwesende, ich weiss nicht wie es euch geht, aber für mich tönt «neuer Stadtteil» nach vielen Leuten, vielen neuen Fussgänger:innen, Autofahrer:innen und Velofahrer:innen – also nach neuer Infrastruktur.

Et voilà, was macht man in der Schweiz immer wenn etwas neu gebaut wird – man baut eine neue verhältnismässig grosse Strasse für die Autos. Das wurde sogar im Grundsatz 6 explizit festgehalten. Bedürfnisse von Velofahrer:innen und Fussgänger:innen – Pustekuchen.

24. Oktober 2005

Naja, nicht ganz. Es dauert nicht lange und der Stadtrat erkennt den Bedarf: Zwei Jahre später schreibt er zur Verbindung Aarenau-Telli: «Das Bedürfnis dieser direkten Langsamverkehrs-Verbindung zwischen diesen beiden Quartieren ist heute schon vorhanden und wird verstärkt, wenn in den nächsten Jahren das 59'000 m² grosse Areal “Aarenau” überbaut sein wird.»

Aber ja, bloss nicht gsprängt.

18. Juni 2012

Spulen wir 7 Jahre nach vorne. Der Stadtrat beantragt einen Investitionskredit für die «Fuss- und Veloverbindung Scheibenschachen-Telli (Steg Aarenau)». Traktandiert nach dem Massnahmenpaket Stabilo 1, dem Kredit für Stabilo 2 und dem Politikplan 2016–2020 wird der stadträtliche Antrag eigentlich nicht ganz überraschend mit einer Stimme Differenz abgelehnt.

Immerhin: Die Ablehnung von den 2,6 Millionen Franken hat, unter Berücksichtigung der damaligen Voten und dem heutigen Wissensstand, die Stadt Aarau vor dem Bankrott und von einer schlechten, sehr eckigen Verbindung gerettet.

Kleine Warnung: Mindestens eine von den beiden letzten Aussagen könnte Spuren von Ironie enthalten…

Heute: 20. November 2023

Zurück zur Ernsthaftigkeit und zum nächsten Zeitsprung.

Keine neue Brücke, alter Zurlindensteg.

Ein Notplan, den bestehenden Zurlindensteg gerade so viel zu verbreitern, dass wir noch kein Problem mit dem 100-jährigen Hochwasser bekommen – aber trotzdem die eigentlich notwendige Breite für ein sicheres Kreuzen von Velos, Velos mit Anhängern, Kinderwagen und Fussgänger:innen NICHT erreichen.

Die Hoffnung, dass wir irgendeinmal im Jahr 2029 eine zusätzliche Verbindung zwischen Aarenau und Telli haben werden. Vorausgesetzt – AXPO und Jura Cement werden zumindest nicht noch unkooperativer.

Sowohl die Notverbreiterung als auch die neue Brücke müssen noch geplant werden. Und die Gesamtkosten werden definitiv 2,6 Mio. CHF von 2012 übersteigen, auch ohne Bauteuerung.

Fazit

Seit 18 Jahren oder seit noch länger ist es dem Stadtrat und allen, die wissen, dass neue Häuser zu neuen Menschen und mehr Verkehr führen, klar, dass es die Brücke braucht. Stand heute: Das müssen wir noch planen. Stand heute: Zwischen Erkenntnis und Umsetzung dauert es mindestens 24 Jahre.

Grosser Wunsch und die Motivation für das Postulat: Lernen wir aus der Geschichte und wiederholen nicht dieselben Fehler. Wie machen wir das – wir beginnen mit der Planung der Passerelle möglichst rasch. Nicht mit dem Bau – mit der Planung. Damit wir dann bauen können, wenn es notwendig ist. Und nicht erst 20 Jahre später, wie beim Zurlindensteg.

Werte Anwesende, wagen wir es doch einmal, vorausschauend zu planen. Überweisen wir doch dieses Postulat.